Greg Paperin's Homepage (http://www.paperin.org).

Zwerg

Es war ein Mal ein Zwerg. Er war noch kein alter Zwerg, obwohl er schon Einiges in seinem Leben gesehen und wenn nicht gesehen, dann wenigstens gehört hatte. Sein Haar war allerdings noch vollständig dunkelbraun und sein Bart reichte nur ein klitzekleines Stück tiefer als ein ausgewachsener Werdenkraut-Strauch. Ein Werdenkraut-Strauch ist, muß man sagen, recht groß. Er wächst meistens unter Birken, manchmal auch unter Buken und Tannen.
In uralten Liedern erzählen die greisigen Weisen über die Helden, die noch mit den alten Göttern gegen die Schwarzen Herden kämpften. In ihren Reihen kämpfte auch Kalomandur, der Prinz des alten Volkes und der Sohn des großen und starken Alminkazot, der den Schwarzen Diener, den verrufenen und erbarmungslosen Kanraz, für immer vom Angesicht der Welt der Lebenden verbannt hatte.
Die uralten Lieder erzählen auch von dem Verrat, den der Sohn Kalomandurs, Mismaloz, an seinem Vater begangen hatte, und davon, wie der Große, der Unheimliche, der Namenlose, der Herrscher über alle dunklen Mächte und alles Böse, der selbst den alten Göttern trotzte und sie ängstigte, mit Mismalozs Hilfe gegen Kalomandur kämpfte.
In undurchblickbarer Dunkelheit hüllte sich alles, an dem der Namenlose, dessen Namen kein Lebender kennt, und wer ihn kennt und ausspricht, wird zu seinem ewigen Diener und erlangt ein Leben bis in alle Ewigkeit, das er als schwarzer Dämon verbringen muß, vorbeizog. Doch erhellte das magische Schwert Kalomandurs die Erde und er kämpfte gegen den Namenlosen. Dieser rief indes seine Helfer, die schwarzen Dämonen, und ihren neuen Anführer Mismaloz und tötete mit ihrer Hilfe den Prinzen. Und der Sohn Alminkazots fiel auf das Werdenkraut-Strauch-Feld, im dem er gestanden hatte, und nur sein langes Speer langte über die grüne Weite.
Doch als unser Zwerg geboren wurde kannten nur noch Tiere und wenige, sehr wenige alte Heiler, wo Werdenkraut-Sträucher solcher Größe wuchsen, daß sie einen Krieger verdecken könnten. Und von Feldern haben nur ganz alte Adler in der Bergen Einiges vom Wind erzählt bekommen, der bekanntlich fast alles weiß, jedoch fast nichts ausplaudert. Aber Adler, wer weiß, wer noch ihnen Geschichten und Lieder verrät, die sonst keiner kennt.
Heutige Werdenkraut-Sträucher sind nicht höher als eine Katze oder, wenn sie besonderes prächtig geraten, ein nordischer Gürteltaschenhund. Trotzdem ist so ein Bart für einen sich respektierenden Zwergen nicht all zu lang.
Es war also ein erfahrener aber noch junger Zwerg, sogar sein älterer Bruder war erst hundertvierundsiebzig. Er hatte blaue Augen, die wie von kleinen Dächern von den, wie sein Haar dunkelbraunen, Augenbrauen überdeckt wurden, und dadurch ihm immerwährend den Anschein verliehen, er würde sich über irgend etwas köstlich amüsieren.
Eines Tages packte der Zwerg seine Lieblingstasche aus grüner Baumwolle, zog Strümpfe unter seine Schuhe an, setzte sein Hut auf und ging durch das Hausportal. Er latschte durch die Pforte seines Gartens, die er hinter sich wieder schloß. Dabei erblickte er seinen altbekannten Nachbarn Anmitans Barkusantik.
— "Hallo!" - sagte Anmitans Barkusantik.
— "Hallo, Anmitans!" - antwortete liebenswürdig der Zwerg und lächelte. Und Anmitans, der sichtlich erfreut war, lächelte zurück.