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Eine Liebesgeschichte über die Qualität der öffentlichen Bibliotheken oder warum man immer Eiswürfel im Haus haben sollte

Ich war neulich bei einem Freund von mir. Er war traurig, denn er war unglücklich verliebt. Es passierte, wie im Film. Er ging über die Straße und wußte auf einmal: "Ich bin verliebt !". Deshalb habe ich ihn auch so traurig angetroffen. Das Problem bestand darin, daß er nicht wußte, in wen er verliebt war. Ich wollte ihn unbedingt helfen. Warum auch nicht ?- ich helfe gerne netten Menschen, und ab und zu, wenn auch ganz selten, helfen sie mir dafür auch Mal. Also, ich wollte ihm unbedingt helfen, aber wie ? Es gab viele Möglichkeiten: Zeitungsinserate, Aufrufe im Fernsehen und sonstiger Presse, Umfragen, Suche im Internet, Polizei, Beschwören von Geistern, Entführung mit öffentlicher Forderung nach Auslieferung der gewünschten Person, die Möglichkeiten schienen grenzenlos. Nach sorgfältiger Abwägung aller für und aber und doch und gegen und obwohl und trotzdem und aller sonstiger Argumente, habe ich mich für die Geisterbeschwörung entschieden.

Also schritten wir zu Tat. In der öffentlichen Bücherei liehen wir ein entsprechendes Buch aus: "Gespenstbelaberung für Anfänger und Fortgeschrittene". Dafür mußten wir übrigens kein Ausweiß vorzeigen, obwohl das Buch erst ab 18 war - Schlamperei ! Auf diese Weise perfekt ausgerüstet versammelten wir uns beide abends an einer geheimen Stelle, die im Buch vorgeschrieben wurde. Nach dem wir den Geist, streng den Anweisungen aus dem Buch folgend, beschwört hatten, passierte erstmal nichts. Kein Geräusch, kein Licht, kein Geist. Ich wollte schon im Inhaltsverzeichnis nach "Tipps für Versager" nachschlagen, als plötzlich vor uns sich eine Tür im Raum öffnete. Aus ihr trat ein Geist.

- Hi ! - sagte er.

- Hi ! - sagte mein Freund.

- Hi ! - sagte ich.

- Was ist los ? - sagte der Geist. Die Sekunden vergingen fürchterlich langsam. Doch dann faßte ich mich:

- Du, Geist...

- Was willst du ?

- Hey, sachte, sachte - faßte ich mich endgültig - du, Geist, sag mir, in wen mein Freund verliebt ist.

Der letztere versuchte dabei besonderes niedlich auszusehen.

Der Geist überfuhr ihn mit einem langen hochmütigen Blick von Kopf bis Fuß und zurück. Dann tat er dasselbe mit mir.

- Ha-ha-ha-ha, Hi-hi-hi-hi, Ho-ho-ho-ho ! Na sicher nicht in dich. Tut mir Leid, dich zu enttäuschen. Ciao, ich muß los.

- Halt ! - rief ich - du hast meine Frage noch nicht beantwortet !

- Na und, wieso sollte ich - spottete die freche Erscheinung.

Dies schien mir eigentlich eine völlig berechtigte Frage zu sein, doch ich zeigte keine Schwäche:

- Ich mache Kampfsport - sagte ich - du solltest aufpassen, wenn du so frech bist. Entweder antwortest du sofort auf die Frage oder ich mache Hackfleisch aus dir !

Stille verbreitete sich im Raum. Der Geist schien zu überlegen. Mein Freund versuchte weiterhin niedlich auszusehen, was ihn jedoch wegen steigender Nervosität nur schwerlich gelang. Die Zeit verging. Ich überlegte schon, ob ich nicht wieder Mal die Zunge ein klitze-kleines Stück zu weit herausgestreckt hatte, als der Geist wieder sprach:

- Das glaube ich dir nicht. - Doch er klang nicht mehr so sicher. - Beweis' es mir !

"Nun, Sein oder Nichtsein" - dachte ich - "Klappe aufgerissen, nun muß es auch zu Ende geführt werden". Ich sammelte meine ganze Entschlossenheit und stürzte mit einem Kampfschrei auf den Geist:

- A-a-a-a-a-a-a-aaaa !!!

- A-a-a-a-a-a-a-aaaa !!! - schrie der Geist - Ja, ja, schon gut, ich glaube dir. Ich werde dir sagen, was ich weiß.

- Nein, du wirst mir alles sagen - bestand ich - du bist ein Geist, du kannst alles herausfinden. Das steht im Buch, Seite fünfunddreißig. Du kannst mich nicht täuschen.

- Also gut, - seufze der Geist enttäuscht - ich brauche aber dafür Eiswürfel.

- Eiswürfel ?

- Genau, Eiswürfel, du Depp.

- Aber warum Eiswürfel ?

- Es ist nun Mal so. Eiswürfel. Keine Pinnadeln, Haargummis, Bleistifte oder Kirschkerne. Und auch kein Tesafilm. Nur stink normale Eiswürfel. Guck' doch in deinem Buch nach !

Dies war äußerst ärgerlich. Das Haus war voller Pinnadeln, Haargummis, Bleistifte und Kirschkerne. Tesafilm habe ich auch immer da, obwohl ich nie weiß, wo es ist. Aber in so einem Notfall läßt es sich sicher finden... Meistens jedenfalls. Aber Eiswürfeln, an die hatte ich überhaupt nicht gedacht. Fieberhaft fing ich an, im Buch zu blättern. Und, oh ich Depp !!, tatsächlich ! Auf der Seite dreihundertvierunddreißig stand in der Fußnote klein und deutlich: "Eiswürfel unbedingt erforderlich." ! Wie konnte ich das übersehen !? Nun gab es keinen anderen Ausweg. Ich mußte sofort los auf die Eiswürfeljagt.

- Warte hier. - sagte ich dem Geist - Ich werde schnell welche besorgen.

Doch wie hart bestraft das Schicksal diejenigen, die gutmütig Vertrauen der Welt schenken ! Als ich voller Eiswürfel zurückkam, war der Geist, wie nie dagewesen, und mein bemitleidenswerter Freund saß bestürzt auf dem Sofa - sein Versuch, niedlich zu wirken, war endgültig in die Hose gegangen: er ähnelte Michael Jackson und Frankenstein gleichzeitig.

Beim aufräumen entdeckte ich, daß der Geist meine Kollektion kaputter Bierdosen mitgehen ließ, als er die Kurve kratzte. Und als ob das nicht genug wäre, hinterließ er noch ein Zettel, auf dem mit häßlicher Geisterschrift geschrieben stand:

"Zwei kleine Spinner
Beschworen einen Geist.
Die Beiden sind so derbe dumm,
Daß jeder sie bescheißt!".

Das war wirklich eine peinliche Geschichte. Eines habe ich aber dabei gelernt, denn seit dem habe ich den Grundsatz: benutze nie Bücher aus einer öffentlichen Bücherei, wenn du ein Geist beschwören willst ! Würde ich an eurer Stelle auch nicht machen... . Fußzeilen sind fies.

Was meinen Freund angeht, ihm geht es wieder gut. Er bekam Hunger und wurde auf diese Weise von seinem Liebeskummer abgelenkt. Und nach dem Essen hatte er es völlig vergessen. Ist wahrscheinlich auch besser so.

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